Provinz postmigrantisch

Call for Papers

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Die „Provinz“ und die damit verbundenen Vorstellungen changierten in der Vergangenheit stets zwischen rückständiger Anti-Moderne und idealisiertem Rückzugsort eines naturnahen Lebens. Diese Gleichzeitigkeit der Diagnosen kann auch heute noch festgestellt werden:

Einerseits gilt der ländliche Raum demografisch und kulturell überwiegend als „abgehängt“, von
Landflucht statt Landlust ist die Rede: Immer mehr Menschen wohnen in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, auf dem Land sind daher zunehmend Schulen und kulturelle Einrichtungen von Schließungen oder Umstrukturierungen betroffen. Zudem taucht die Provinz im öffentlichen Diskurs stets in Abgrenzung zur multikulturell und kosmopolitisch inszenierten Großstadt auf.

Andererseits aber lassen steigende Mieten in Großstädten und eine gentrifizierte Verdichtung des urbanen Raums die „Provinz“ (wieder) als Sehnsuchtsort erscheinen. Der ländliche Raum wird als authentisch vermarktet und in neuen öffentlichen und privatwirtschaftlichen Projekten gefördert.


Abseits des schematischen Stadt-Land-Gefälles ist der ländliche Raum jedoch von denselben gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozessen betroffen, darunter vor allem von einer zunehmenden Diversifizierung der gesellschaftlichen Milieus als Folge von Globalisierung und den verschiedenen Formen der Migration. Viele ländliche und kleinstädtische Räume werden somit zu heterogenen Begegnungs- und Interaktionsräumen. Zugleich findet eine Diversifizierung zwischen strukturschwachen, abgehängten und strukturstarken, von Urbanisierung und Strukturwandel profitierenden Regionen statt, die einer pauschalen Zuordnung des ländlichen Raums ebenfalls entgegensteht.


Während Stadtgesellschaften – vor allem vor dem Hintergrund migrationsbedingter Veränderungen, Diversifizierungen und Aushandlungsprozesse – als Gegenstand der Wissenschaften als etabliert gelten, bleibt die Frage nach der „Provinz“ als Gestaltungsort postmigrantischer Realität noch weitestgehend unbeantwortet. Eine postmigrantische (Forschung-)Perspektive auf die „Provinz“ richtet den Blick auf den migrationsbedingten gesellschaftlichen Wandel im ländlichen Raum. Sie legt den Fokus auf gesellschaftliche Überlappungen, Überschneidungen und Verflechtungen und untersucht gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, die sich nicht zuletzt als Folge und Begleiterscheinung von Migration ergeben. Sie denkt gesellschaftliche Phänomene zusammen, die gewöhnlich isoliert betrachtet werden, und stellt – gegen den methodologischen Nationalismus – transnationale Verflechtungen und Interdependenzen von u.a. „class“, „race“, „gender“ in den Mittelpunkt der Analyse.


Die geplante interdisziplinäre Tagung setzt hier an, indem sie aktuelle und neue Formierungen im ländlichen Raum in den Blick nimmt und danach fragt, wie sich der ländliche Raum und die Vorstellungen zur „Provinz“ durch (räumliche, aber auch soziale) Mobilität verändern und neuformieren – und wo dies konkret geschieht:
- in Institutionen der Bildung, der Kultur und der Politik,
- in der Literatur sowie
- in alltäglichen Räumen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Willkommen sind besonders Beiträge, die die klassische Stadt-Land-Dichotomie auf ihre Aktualität hin prüfen und neu entstehende Zwischenräume thematisieren.
Bitte senden Sie Ihre Beitragsvorschläge (maximal 300 Wörter) mit kurzen biografischen Angaben
und Ihren Kontaktdaten bis zum 30. April 2020 an migs@ph-gmuend.de.

Die Tagung findet vom 20. bis 21. November 2020 in Schwäbisch Gmünd statt. Es werden keine Tagungsgebühren erhoben. Eine Tagungspublikation mit ausgewählten Beiträgen ist angedacht.

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